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Sexueller Missbrauch

Sexueller Missbrauch

Abgetrennt von den eigenen Gefühlen

Frauen, die aufgrund sexualisierter Gewalterfahrungen zu mir in die Praxis kommen, wirken häufig niedergedrückt, freud- und kraftlos. Sie kommen oft mit der Vermutung, unter Depressionen zu leiden. Manche Frau wirkt so unscheinbar und farblos, als würden sie sich am liebsten komplett in Luft auflösen.

 

Manche sehen fast männlich aus, weil sie ihre Weiblichkeit aufgrund ihrer Erfahrungen komplett ablehnen. Sie sind häufig reine Nervenbündel und oft weinen sie nicht. Andere Frauen wirken taff und resolut. Aber etwas verrät mir auf den ersten Blick, dass hinter der Schale eine große Verletzung, vielleicht sogar sexueller Missbrauch, stecken könnte.

 

Viele Betroffene sind von ihren Gefühlen, den positiven und den negativen, vollkommen abgetrennt. Sie wirken extrem schwingungsarm. Das heißt, dass sie kaum einen angemessenen Ausdruck für ihre Emotionen finden. Sie sind nicht wirklich erreichbar. Verdrängung scheint die Rettung zu sein. Lieber gar nichts, als diesen unsagbaren Schmerz fühlen, sagt sich die Psyche.

Sexueller Missbrauch - ein vielschichtiges Verbrechen

So unterschiedlich die Frauen sind, so unterschiedlich ist auch die Form der sexualisierten Gewalt, die sie  erlebt haben. Mal spüren sie die heftigen Auswirkungen auf ihr Leben, wissen aber gar nicht, dass sie z. B. als ganz kleines Kind sexuell missbraucht wurden.

 

Manchmal gibt es kleine Erinnerungsfetzen, die sehr beschämend und ekelerregend oder sogar erregend sind, aber kaum mit den heutigen Problemen in Zusammenhang gebracht werden. Als Kind konnte nicht erfasst werden, dass das, was dort passiert, NICHT ok ist. Viele Frauen entdecken dies erst im Verlauf der Therapie und sind oftmals fassungslos, wenn sie realisieren, was ihnen da eigentlich als kleines Mädchen angetan wurde und dass sie sexuell traumatisiert sind.

 

Viele Frauen berichten von einem langjährigen Martyrium, dem sie ausgesetzt waren. Verraten von den eigenen Müttern, die wegschauten oder sogar selbst Täterin waren. Dann gibt es Frauen, die als Erwachsene mit KO-Tropfen fügig gemacht wurden. Manchmal von ihren eigenen Ehemännern. Manchmal von dem besten Freund oder auch von Unbekannten. 

Foto von RODNAE Productions von Pexels
Foto von RODNAE Productions von Pexels

Manche berichten von sexueller Gewalt durch den eigenen Bruder oder sogar einer ganzen Gruppe von Männern. Manche haben zu einem Mann NEIN gesagt und er hat weiter gemacht und sie für die Erfüllung seiner Bedürfnisse benutzt.

 

Am Ende all dieser Geschichten, sitzt immer eine zutiefst verletzte, beschämte Frau vor mir. Sie hat den glauben an ihre Selbstwirksamkeit und ihre eigene Grenze verloren. Ihr Leben ist beeinflusst von einem Verbrechen, das oftmals noch nie ausgesprochen wurde. Häufig ist ein langes, heimliches Leid einer Therapie bei mir voraus gegangen.

Misstrauen in die Welt

Ein allumfassendes Misstrauen in die Welt ist häufig die Folge dieses schweren, gewalttätigen Eingriffes in die Weiblichkeit. Es gibt viele Trigger, die für sogenannte Flashbacks sorgen. Ganz alltägliche Dinge. Es reicht manchmal, wenn jemand über einen Mann redet. Oder wenn die Frau einem Mann mit einer bestimmten Statur in der Einkaufsstraße begegnet. Sofort sind die Szenen des sexuellen Missbrauchs wieder voll da. Das System reagiert so, wie in der erlebten Situation. Und das ist sehr schwer auszuhalten.

 

Von einer natürlich gelebten Sexualität ganz zu schweigen. Viele Frauen, die Opfer sexueller Gewalt geworden sind, haben dennoch eine Partnerschaft und Kinder. Unter welcher Abspaltung diese oftmals entstanden sind, liegt auf der Hand. Mütter berichten häufig, dass sie keine Liebe für ihre Kinder empfinden, weil sie überhaupt gar nichts fühlen können. Darüber sind sie dann ebenfalls sehr traurig und wünschen sich nichts sehnlicher, als ihren Kindern eine liebevolle Mutter sein zu können.

Das soziale Umfeld - oft ein Minenfeld

Ein unüberlegter Umgang im sozialen Umfeld ist leider die Regel. Gerade junge Frauen müssen sich von Altersgenossen Witze über Vergewaltigungen oder ähnliches anhören. Natürlich wissen diese nichts über die Not des Mädchens, die während der zotigen Sprüche innere Qualen leidet. Das macht es aber nicht besser. Wenn z. B. der Ausbilder sagt: „Komm mal eben mit in mein Büro“, kann das bereits zu einem völligen Zusammenbruch führen.

 

Männer, die eine Frau mit sexualisierten Gewalterfahrungen lieben, erzählen häufig, wie fragil, wie kompliziert die Beziehung ist und wie hilflos  und abgelehnt sie sich fühlen. Ein Teufelskreis, der oft in Trennungen und bösem Blut endet. Selbstverletzendes Verhalten, der Griff zu Alkohol oder Drogen scheint nicht selten ein Lösungsversuch für dieses Dilemma aus geliebt werden wollen und nicht lieben können zu sein.

Psychotherapie: sensible Begleitung ist das A&O

Was von sexuellem Missbrauch betroffene Frauen von mir als Therapeutin brauchen, sind Samthandschuhe. Sie brauchen eine liebevolle, zartfühlende, sensible Begleitung. Sie brauchen immer wieder das Gefühl, getragen und beschützt zu sein. Die Begleitung dieser Frauen braucht einen langen, liebevollen Atem.

 

Das Misstrauen und die Abspaltung sind oft so groß, dass sehr viele kleine Schritte notwendig sind, um irgendwann überhaupt erst einmal wieder Gefühle zulassen zu können. Es geht oft zwei Schritte vor und einen wieder zurück. Und das ist vollkommen ok.

Traumaarbeit - ein wichtiger Baustein nach sexualisierter Gewalt

Oft wird davon gesprochen, dass man sich als Therapeutin vor einer Retraumatisierung in Acht nehmen sollte. Viele Therapeuten trauen sich gar nicht zu, mit betroffenen Frauen zu arbeiten.

 

Nicht selten kommen Frauen zu mir, die keine Therapeut*In finden, die sich die Arbeit mit ihr zutraut. Und viele Frauen möchten sich verständlicherweise auch nicht unbedingt einem männlichen Therapeuten öffnen. 

 

 

Meine Erfahrung zeigt, dass diese zarte Frauen- bzw. Kinderseele eine absolut liebevolle, WEIBLICHE Begleitung benötigt, die versteht, dass es sich hier nicht nur um ein Einzelschicksal, sondern viel mehr um ein kollektives Frauenthema handelt.

 

Es ist wichtig, den Frauen das Gefühl zu geben, dass sie nicht allein sind mit dem Thema sexueller Missbrauch. Dass sie getragen sind von etwas Großem. Nämlich der Kraft des gesamten weiblichen Kollektivs.

Foto von RODNAE Productions von Pexels
Foto von RODNAE Productions von Pexels

Die Angst vor einer Retraumatisierung kann ich nicht teilen, denn in meiner täglichen Praxis erlebe ich, wie erleichternd es für die Frauen ist, in einem absolut geschützten Rahmen über ihre Erfahrungen zu sprechen und die tiefsitzenden Traumen aufzulösen. Erlebt haben sie die Gewalttat ja schon. Sie leben sowieso jeden Tag in ihrem ganz persönlichen Alptraum.

Das System beruhigen

Es braucht sehr viel Feinfühligkeit, um zu spüren, wann für die Frau der richtige Zeitpunkt gekommen ist, um tief in die Traumaarbeit einzusteigen. Es ist sehr, sehr wichtig, genau zu schauen, wann das traumatische Erleben sich „nach oben“ schiebt. Wann die Frau bereit ist, hineinzusteigen und in der Traumaarbeit eine Auflösung und eine Beruhigung des gesamten Systems zu erleben. Alles geht in ihrem Rhythmus.

 

Oft verfolge ich über mehrere Wochen oder Monate, wie sich die Frau immer weiter öffnet. Wie sich immer deutlicher und im ganz eigenen Tempo zeigt, was geheilt werden will. Den Frauen diesen Raum zu halten und ganz fein mit ihnen mitzuschwingen, das ist meine Aufgabe als Therapeutin. Und es ist eine so wundervolle Arbeit, die mich persönlich bereichert aber auch das gesamte Kollektiv mit jedem kleinen Schritt in die Heilung bringen kann.

Die eigenen Grenzen und Bedürfnisse erkennen

Häufig geht es erst im nächsten Schritt darum, die eigenen Grenzen gut kennenzulernen. Bedürfnisse zu benennen und dafür einzustehen. Kraft zu schöpfen, sich wieder gerade machen. Einen wunderschönen Zugang zu der eigenen Weiblichkeit zu finden. Sich selbst Liebe zu schenken. Sich anzunehmen. Zu akzeptieren, dass man sexualisierte Gewalt erfahren hat. Und akzeptieren heißt hier NICHT gut finden! Akzeptanz heißt vielmehr, das Geschehene in das Leben zu integrieren und nicht weiter abzuspalten.

Psychotherapie oft über Jahre nötig

Oft braucht es eine jahrelange Begleitung, damit die Frauen sich unabhängig von dem erlebten Leid selbst völlig neu definieren können. 6 Wochen in einer psychosomatischen Klinik fühlen sich dagegen an, wie ein Tropfen auf den heißen Stein.

 

Eine lange, stabile und nährende Begleitung ist für die Frauen wichtig, um sich mehr und mehr in ihr weibliches, freies Leben hineinentspannen zu können.

 

Wenn Sie sich angesprochen fühlen und sich feinfühlige Unterstützung von mir wünschen, um Ihre ganz persönlichen Erlebnisse anzuschauen und in die Veränderung zu gehen, vereinbaren Sie gern ein unverbindliches, kostenloses Kennlerngespräch hier.

Foto: Heimathafen Seester, Julia Lundström
Foto: Heimathafen Seester, Julia Lundström

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