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Die Frau vom Freund und von dessen Sohn der Schwiegervater, von dem die Nachbarin…

 „Sie sind die erste, die nicht darauf reingefallen ist“, sagte neulich eine Klientin beeindruckt zu mir. "Worauf?" fragen Sie sich jetzt sicher. Ich bin einem ihrer Abwehrmechanismen, der Deflektion, nicht aufgesessen. Aber was genau ist Deflektion?

 

Sie kennen sicher Leute, die gaaaanz weit ausholen, wenn sie etwas erzählen. Vom Hündchen auf’s Stöckchen oder vom Hundertsten ins Tausendste. Oder die, die immerzu ironisch sind und Witze reißen. Die man erstmal lustig findet aber irgendwann nervig, weil sie irgendwie unnahbar sind. Oder der eine Partner wälzt sich noch schlaflos im Bett hin und her, während der andere scheinbar seelig einschläft – mitten im Konflikt. Er deflektiert. Er geht aus dem Kontakt in der offensichtlichsten Art und Weise. Man erfährt selten etwas Persönliches und jedes Thema wird durch ironische Bemerkungen kommentiert. Diese Menschen nehmen ihr Gegenüber genau so wenig, wie sich selbst wahr. Sie negieren beide Seiten. Dieses Verhalten ist ein sogenannter Abwehrmechanismus. Davon haben wir Menschen von Natur aus so einige und das ist auch gut so. Abwehrmechanismen schützen uns vor zu großem, seelischem Schmerz. Aber wenn diese Abwehrmechanismen sich verselbständigen, fangen wir an zu leiden und unsere Mitmenschen auch.

 

Deflektion ist ein Abwehrmechanismus, der mir in der therapeutischen Praxis und in meinem privaten Umfeld sehr häufig begegnet. Es ist ein Verwässern. Man kann es sich so vorstellen, dass jemand so viel Wasser in die leckere Suppe kippt, bis man nicht mehr herausschmecken kann, was für eine Suppe es ursprünglich einmal war. Die Person verwässert ihr eigentliches Thema so sehr und so lange, bis ihr Gegenüber kaum noch eine Chance hat, den Kern der Sache zu erfassen. Das Ganze geschieht natürlich nicht bewusst. Abwehrmechanismen laufen immer unbewusst ab. Sie werden in der Gestaltpsychotherapie auch als Kontaktstörung bezeichnet. Die deflektierende Person bietet sozusagen keinen Anknüpfungspunkt, sondern sie lenkt ab.

 

Als Therapeutin ist es meine Aufgabe, mich davon nicht irritieren zu lassen, sondern den Klienten direkt zu seinem eigentlichen Thema und seinen Gefühlen, welche er versucht abzuwehren, hinzuführen und daran mit ihm zu arbeiten. Ich bringe ihn in die Reflektion. Also das genaue Gegenteil von der Deflektion. Hin zu sich selbst. Hin in die Selbstannahme, Selbstachtsamkeit, Selbstwahrnehmung und Selbstwirksamkeit.

 

Es gibt auch Menschen, die zu wenig deflektieren. Die also alles zu nah an sich heranlassen und nicht filtern können, welche Kontaktangebote von außen sie annehmen möchten. Sie fühlen sich überschüttet, durchlässig, nehmen alles um sich herum wahr, können sich oft schlecht abgrenzen und Entscheidungen treffen. Sie vermeiden die Deflektion, was wiederum selbst als eine Art Deflektion gesehen werden kann.

 

Das angestrebte Ziel in der Gestaltpsychotherapie ist die Mitte, der sogenannte Nullpunkt. An diesem Punkt dominiert weder das eine noch das andere Extrem. Kein Pol ist vorherrschend. Es gibt nicht nur Schwarz oder Weiß sondern ein "gesundes, freundliches Grau". Vielleicht mal dunkelgrau und mal hellgrau. Aber sobald es nur schwarz oder weiß gibt, ist der Mensch nicht im gesunden Bereich und benötigt meist Unterstützung, um wieder in seine innere Mitte zu finden. Hierbei kann eine Psychotherapie hilfreich sein.

 

Wie das mit der Nachbarin vom Schwiegervater des Sohnes der Frau vom Freund war, will nun aber auch wirklich niemand wissen. Einen Moment lang einen echten Kontakt entstehen lassen, einen Raum, in dem jeder so sein darf, wie er ist, das ist ein Geschenk, das wir uns gegenseitig machen können. Das ist die Arbeit einer Therapeutin. Das ist der Grund, warum meine Klientin glücklich darüber war, dass ich ihren Abwehrmechanismen nicht aufgesessen bin. Denn in dem Moment entstand für sie die Möglichkeit, innerlich zu wachsen.

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