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Fehlgeburt und Geburtstrauma verarbeiten

Verdrängung von Fehlgeburt und Geburtstrauma

Eine Klientin berichtet, dass sie immer vor ihrer Menstruation zwei Tage lang extrem niedergeschlagen ist. Sie fühlt sich minderwertig, handlungsunfähig und total hoffnungslos. Es scheint zum Verzweifeln zu sein und geht nach meinem Empfinden über eine hormonell bedingte Stimmungsschwankung sehr weit hinaus.

 

Ich frage die Klientin, ob sie einmal eine Fehlgeburt hatte. Sie ist überrascht über meine Frage und sagt: "Ja" . Sie berichtet mir relativ emotionslos, eher etwas versteinert, von damals, als sie am Ende des 3. Monats plötzlich während der Arbeit heftige Blutungen bekam und direkt von ihrem Mann ins Krankenhaus gefahren wurde. Es folgte, begleitet von anteilnahmslosen Kommentaren seitens der Mediziner*innen, eine Ausschabung.

 

Ich frage sie, ob sie damals jemanden an ihrer Seite hatte, mit der sie diesen Abort betrauern und bearbeiten konnte. Ihr Mann wäre für sie da gewesen. Ansonsten hätte sie eigentlich mit niemandem darüber gesprochen, eher versucht, einfach weiter zu machen.

 

Sie berichtet weiter, dass sich die Fehlgeburt auf ihre nächste Schwangerschaft ausgewirkt hätte. Sie wäre extrem ängstlich gewesen und ständig zu Kontrolluntersuchungen gegangen, obwohl die Schwangerschaft rundherum gut war und es keine besonderen Schwierigkeiten gab.

 

Die Geburt selbst wäre dann der absolute Horror gewesen. Total enttäuschend. Sie hatte es nicht "geschafft", ihr Kind natürlich zur Welt zu bringen. Es wurde nach vielen Stunden ein Notkaiserschnitt angeordnet. Während des Kaiserschnitts war die Klientin bei Bewusstsein. Das Baby wurde ihr nur kurz gezeigt und dann für Untersuchungen weggebracht. Mit der Klientin redete während dieses Vorgangs niemand.

 

Sie lag dort aufgeschnitten, verzweifelt, retraumatisiert (es gab bereits schwere Traumata aus der Kindheit, die starke Minderwertigkeitsgefühle hervorriefen), voller Angst um ihre Tochter. Sie dachte, es ginge ihrem Baby nicht gut, weil die Ärztinnen sie direkt wegbrachten. Der Notkaiserschnitt wurde ja auch nicht ohne Grund durchgeführt. Die blanke Panik machte sich breit - unbegleitet.

 

Einsam. Erschöpft. Hoffnungslos. Verzweifelt. Die gleichen Symptome, jedesmal bevor die Klientin ihre Tage bekommt...

Geburtstrauma erspüren

Ich bitte die Klientin, sich auf die weiche Matte auf dem Boden zu legen und die Augen zu schließen. Ich setze mich neben sie und halte ihre Hand, während ich mich ganz intensiv in sie einfühle. Ich atme mit ihr gemeinsam, lege meine andere Hand auf ihren Bauch, ihr Herz. Ich bitte sie, die Bilder, Gefühle, Gedanken, die in ihr aufsteigen, auszusprechen. Auf die Frage, ob gerade der Notkaiserschnitt oder die Fehlgeburt mehr im Vordergrund sei, antwortet sie: "Der Kaiserschnitt".

Du bist nicht allein - Halt im Geburtstrauma

"Ich bin bei Dir! Hab' keine Angst, den Schmerz zu spüren. Lasse ihn zu. Ich begleite Dich. Ich bin Deine Zeugin". Das sind die Worte, die ich mantraartig sanft wiederhole, während ich intuitiv, energetisch und auf körperlich-seelischer Ebene mit ihr arbeite. Sie spürt diese unendliche Traurigkeit darüber, es nicht selbst geschafft zu haben.

"Ich habe versagt!"

Meine Klientin sagt immer wieder: "Ich war nicht gut genug. Ich habe es nicht geschafft. Ich fühle mich so wertlos. Ich habe total versagt!". Ich schlage ihr vor, diesen uralten, klebrig festsitzenden Glaubenssatz, dieses tiefsitzende Gedankenmuster, das bereits in ihrer Kindheit geprägt und an dem wir schon viele Sitzungen zuvor gearbeitet hatten, endgültig umzuwandeln in einen positiven Kraftsatz, der sie stärken kann.

 

"Ich bin genug" ist der Satz, den wir herausarbeiten. Ich beginne, diesen neuen Satz sanft in den Körper der Klientin einzustreichen. Das ist sehr viel wirkungsvoller, als solch einen Satz nur mit dem Verstand zu erfassen. Wir sind hier gerade auf einer ganz anderen, viel intensiveren Ebene unterwegs und ich nutze diese wundervolle Gelegenheit, ihre Mitte, ihr ICH zu stärken.

 

Die Klientin ist weit geöffnet und ihr System empfänglich. Ich streiche mehrere Minuten lang sanft diesen neuen Satz in den Körper ein. In den Kopf, die Schultern, die Arme, die Brust, den Bauch, die Beine, die Füße. Ich nehme mir Zeit. Ihr Körper wird ganz weich. Sie kommt zur Ruhe. Ihr Nervensystem entspannt sich.


Rückholung verlorener Seelenanteile nach Geburtstrauma und Fehlgeburt

Noch einmal nehme ich mir nun die Zeit, mich ganz, ganz fein in die Klientin einzuspüren. Ich atme. Etwas fehlt noch. Etwas ist unrund. Etwas stimmt hier noch nicht. Ich spüre und gebe meiner Intuition Raum. In diesen Momenten bin ich hochgradig präsent, voll im Spüren. Ich achte auf meine eigenen Körperreaktionen, auf die Körperreaktionen der Klientin, mit deren Seele ich da in Kontakt bin. Dies ist Arbeit auf Seelenebene. Und meine Seele schickt mir schließlich folgenden Impuls:

 

Ich vermute, dass die ohnehin stark durch die Kindheit traumatisierte Seele der Klientin sich, während dieses Kaiserschnitt-Momentes, zu einem großen Teil aus dem Körper der Klientin endgültig verabschiedet hat. Sie ist als Schutzreaktion einfach gegangen, um das Unerträgliche erträglich zu machen.

 

Zurück geblieben ist die körperliche Hülle und der Verstand, die danach Jahr für Jahr immer tiefer in die Depression rutschten und kaum noch den Herausforderungen des Lebens etwas entgegen zu setzen hatten. Aus diesem Grund hatte die Klientin mich überhaupt anfangs aufgesucht.

 

Wenn Du versuchst, das Leben nur über den Verstand zu leben, kann das einfach nicht funktionieren. Um Dich gesund und energiegeladen zu fühlen, braucht es immer die Körper-Seele-Geist-Einheit

 

Ich sage ihr, was meine Gedanken sind und frage sie, ob sie damit in Resonanz geht. Sie schluchzt und sagt "Ja - genau so!". Wo ist Dein Seelenanteil gerade jetzt, wo Du dort auf dem OP-Tisch liegst? "Das ist vielleicht jetzt komisch aber er schwebt links oben neben mir."

 

Ich frage sie, ob sie den verlorenen Seelenanteil gern zu sich zurück holen würde? Sie sagt laut: "Ja - sofort! Unbedingt!". Mithilfe einer wunderschönen, sanften, schamanischen Heilmethode helfe ich ihr dabei, den verlorengegangenen Seelenanteil wieder zu sich zu nehmen. Ein sehr inniger, persönlicher Moment. Aufatmen. Erleichterung. Energetisch stark spürbar.

Die Seele darf ankommen

Intuitiv greife ich zu meiner schamanischen Trommel, die ich selbst gebaut habe für die Heilung der weiblichen Wunde. Ich beginne, sanft zu trommeln, damit die Seele der Klientin die Möglichkeit hat, unterstützt von den feinen und dennoch kraftvollen Schwingungen dieses Heilinstrumentes, sich neu zu justieren und in Ruhe wieder im Körper einzufinden.

 

Tränen der Rührung fließen.


Das weibliche Kollektiv

Während ich für die Seele der Klientin trommle, werde ich plötzlich überflutet von inneren Bildern. Frauen strömen in den Raum und setzen sich im Kreis um die Klientin. Sehr, sehr viele Frauen. Es sind alle Frauen, die jemals vor meiner Klientin gelebt haben und jemals nach ihr leben werden. Ich begreife: Es ist das weibliche Kollektiv, das sich hier und jetzt für die tiefe Heilung meiner Klientin zur Verfügung stellt. Was für ein magischer, tief berührender Moment für mich. Alles, was sich mir da zeigt, teile ich mit der Klientin.

 

"Spüre einmal, wie all diese mutigen, starken, wohlwollenden, liebevollen Frauen um Dich herum sitzen. Sie alle wissen, welchen Schmerz zu erlitten hast. Sie alle wissen, was Du fühlst. Spüre einmal ihr großes Mitgefühl. Sie alle sind für Dich da. Und Du darfst das einfach annehmen. Nimm einmal wahr: Du würdest das für jede dieser Frauen hier genau so tun.

 

Und schau - dort sitzen auch alle Kinder, die nicht auf dieser Erde geblieben sind. Sie alle haben ihre verstorbenen Kinder dabei. Sie spielen und sind fröhlich und glücklich, bei ihren Müttern zu sein.

 

Und wenn Du magst, hole doch jetzt auch Dein verstorbenes Kind dazu. Schau einmal, wo Du es haben möchtest, wo es seinen Platz finden darf. Hole es zu Dir. Und vielleicht siehst Du auch, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist. Vielleicht kommt Dir sogar sein Name in den Sinn.

 

Vielleicht möchtest Du Deinem Kind jetzt etwas sagen." Die Klientin weint, lächelt und sagt zu ihrer Tochter: "Ich liebe Dich!"  "Und wenn Du magst, hole doch auch noch Deine zweite Tochter dazu. Gib auch ihr ihren richtigen Platz. Jedes Kind darf jetzt seinen richtigen Platz einnehmen. Und schau sie Dir an, Deine wunderschöne Tochter! Vielleicht möchtest Du auch ihr etwas sagen?" "Ich liebe Dich!". Sie lächelt.

Zeit der Integration - wichtig nach dem Verlust eines Kindes

Ich lasse nun die Klientin noch einige Minuten in Stille. Ganz mit sich und ihren beiden Kindern. Die Frauen ziehen sich langsam aus dem Raum zurück, weil sie spüren, dass sie für diesen Moment nicht mehr gebraucht werden. Sie verneigen sich vor der Frau, während sie langsam verschwinden. Alles ist richtig. Alles ist rund - jetzt für diesen kostbaren Moment.

Du musst Deine Fehlgeburt und Dein Geburtstrauma nicht alleine verarbeiten!

Anhand dieses Fallbeispiels habe ich versucht, meine Arbeit mit verletzten Frauen möglichst genau zu beschreiben. Jede Sitzung ist einzigartig. Wir wissen nie vorher, was sich zeigt. Ich gehe immer mit dem, was hier und jetzt dran ist. Für mich fühlt es sich absolut richtig und sogar notwendig an, dass Frauen auf diese feine Art in ihrem Schmerz begleitet werden.

 

Wenn Du Dich davon angesprochen fühlst und Dir auch eine liebevolle Begleitung in der Verarbeitung Deines Geburtstraumas oder Deiner Fehlgeburt wünschst, vereinbare gern einen Termin hier.

 

Ich freue mich darauf, Deinen Körper, Deinen Geist und Deine Seele zu spüren und zu unterstützen. Ich freue mich darauf, mit Dir gemeinsam Dein offenes Thema rund zu machen.

 

Herzlich

Dinah

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Kommentare: 4
  • #1

    Ute (Dienstag, 14 Juni 2022)

    Liebe Dinah-Ann Lendzian! Es braucht diese herzliche, seelenvolle H E (I) L F E R I N, wie Du eine bist, für verwundete Frauen. Diese Verletzungen in der Geburtshilfe, alleingelassen und sprachlos, sind abscheulich. Deine ganzheitliche Arbeit ist so wertvoll!
    Vielleicht interessiert Dich auch die Hebammenarbeit von Brigitte Meißner "Emotionale Narben aus Schwangerschaft und Geburt auflösen" mit dem Baderitual & Heilgespräch? Dieses Ritual ist sehr einfach und recht wirksam für Mutter und Kind.
    Dein Wirken sei gesegnet!
    Ute
    die Mütterfürsorgerin

  • #2

    Sabine Kakizaki (Mittwoch, 15 Juni 2022 22:17)

    Liebe Dinah-Ann,

    ich bin sehr berührt von dieser einfühlsamen Schilderung dieser Sitzung. Ich finde es sehr mutig und ermutigend, dass du so einen tiefen Einblick in deine Heilarbeit gibst- die neben deiner „klassischen“ psychotherapeutischen Kompetenz so sehr von deiner weiblichen Intuition und spirituellen Anbindung getragen ist.

    Solche Art von Psychotherapie oder eher ganzheitlicher Heilarbeit darf noch viel selbstverständlicher werden.

    Als TCM-Therapeutin gehört die Seelen-Ebene für mich auch dazu. Die alten Chinesen haben gewusst, welche Seelenanteile in welchen Organen „wohnen“…ich hoffe, solche Aussagen werden immer „normaler“…

  • #3

    Jana (Donnerstag, 16 Juni 2022 06:47)

    Ganz wundervoll, liebe Dinah! Jemanden wie Dich hätte ich mir damals mit Mitte 20 gewünscht, als ich mich entschied, mir therapeutische Unterstützung zu holen. Einfach wundervoll! Es ist so schön zu sehen, dass die Spiritualität immer mehr Einzug in die psychotherapeutische Arbeit erhält. Das hat so lange gefehlt - und fehlt bei vielen noch.
    Endlich gibt es Menschen wie Dich, bei denen Menschen nicht über den Brillenrand mit hochgezogener Augenbraue und gespitztem Bleistift als krank diagnostiziert werden, wenn sie von ihren spirituellen Erfahrungen berichten. Danke für Deinen wertvollen Beitrag, gelebte Spiritualität zu einem Stück Normalität in unserer Welt zu machen.

  • #4

    Gunda (Dienstag, 21 Juni 2022 00:56)

    Liebe Dinah,
    nach Jahren des vollständigen (Ver-) Schweigens fand ich irgendwann einen Weg, mir mein eigenes Trauma und den unfassbaren Verlust anzuschauen. Ich wünschte, ich hätte dich damals schon gekannt! Danke dir für deine wunder-volle Arbeit. So können Frauen heute bei dir eine ganz besondere, tiefe und heilsame Unterstützung finden.