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Prokrastination - Aufschieberitis

Ich prokrastiniere - was kann ich tun?

Das Problem der Aufschieberitis kennen sehr viele Menschen - Du selbst vielleicht sogar auch. Die Wissenschaft hält dafür allerhand Erklärungen bereit... Auf diese möchte ich hier in diesem Artikel nicht eingehen, denn in meiner humanistisch-psychotherapeutischen Welt helfen verstandesgemäß erfassbaren Modelle und Erklärungen allein den betroffenen Menschen leider oft nicht weiter.

 

 

Psychoedukation ist wichtig - keine Frage! Die Erklärung psychischer Symptome ist sogar extrem wichtig, damit Betroffene es leichter haben, sich selbst zu verstehen. Das Verstehen allein reicht aus meiner Erfahrung heraus aber nicht. Jede Klient*in ist so individuell. Keine hat den selben Grund, Aufgaben zu verschleppen, wie eine andere.


Innere Zerrissenheit

Prokrastinierer berichten immer von einer inneren Zerrissenheit. Eine Stimme sagt: "Das muss fertig werden! Nun mach schon!". Die andere Stimme sagt: "Ach - ich möchte jetzt aber lieber chillen, lesen, fern schauen... Morgen geht es doch auch noch".

 

Der gute alte Sigmund Freud, Begründer der Psychoanalyse, erklärte diesen inneren Konflikt mit dem sogenannten Instanzenmodell. Dort gibt es drei Instanzen:

  • das ÜBER-ICH als Instanz der Normen, Werte, Moral und des Gewissens (also der erhobene Zeigefinger!)
  • das ES als Instanz der Triebe, Wünsche und Bedürfnisse (die ganze Tüte Chips vor'm Fernseher!) und
  • das ICH, das dazwischen als Vermittler fungiert, als Instanz des Denkens, der Handlungsmöglichkeiten und des Realitätsbewusstseins bezeichnet.

Fritz Perls, der Begründer der Gestaltpsychotherapie nannte es Top Dog und Under Dog.

 

Ich nenne es in meiner Praxis manchmal auch liebevoll Engelchen und Teufelchen...

Arbeit mit den inneren, kämpfenden Anteilen

In der Praxis lasse ich eine von Prokrastination betroffene Klientin drei Matten auf den Boden legen. Eine für sich selbst, eine für ihr Engelchen und eine für ihr Teufelchen. Nun gebe ich jedem Anteil die Möglichkeit, sich zu Wort zu melden. Es gibt schließlich IMMER sehr gute Gründe dafür, dass diese Anteile da sind!

 

So spricht das Engelchen, verachtend auf das Teufelchen blickend: "Ich habe Recht. Wenn Du Dich einfach mal zusammenreißen und nicht alles verzögern würdest, hätte XY am Ende viel mehr Freizeit, viel bessere Noten, einen besseren Abschluss, mehr Erfolg usw.".

 

Wenn ich das Teufelchen zu Wort kommen lasse höre ich Sätze wie: "Ich bin doch kein Teufelchen!!! Ich bin die Lebensfreude, die Freiheit, ich bin der Spaß im Leben! Das ist doch nicht teuflisch!!!".

 

Beide beharren auf ihren Standpunkten. Die Klient*in ist erschöpft und frustriert von diesem andauernden inneren Kampf und fühlt sich am Ende als Verlierer*in auf ganzer Linie. Wird vielleicht sogar Depressiv.

Wie alt fühlst Du Dich denn, Teufelchen?

Ich frage die Klient*in, die jetzt auf der Matte des "Teufelchens" steht, wie alt sie sich fühlt. "14!" ist die  prompte Antwort. Was möchtest Du als 14jährige*r machen? Worauf hast Du Lust? "Feiern, Jungs/Mädchen, Leben halt. Mich selbst ausprobieren. Spaß haben!". Wie geht es Dir mit dem Engelchen da drüben? "Das kotzt mich echt an. Das will mir immerzu sagen, was ich machen soll. Ich will aber nicht. Ich will einfach Spaß haben und mich ausprobieren. Das Engelchen macht mir Druck. Es ist in Wirklichkeit gar kein Engel!!!"

 

Kennst Du diesen Druck irgendwo her? Wer hat Dir mit 14 Druck gemacht? "Meine Eltern!". Immer soll ich mehr für die Schule tun. Dabei bin ich richtig gut und schreibe Noten, die für mich ok sind. Ich habe keinen Bock, eine Streber*in zu sein, wie die anderen. Brauche ich auch nicht. Schule fällt mir doch leicht. Ich kann das auch so!".


Massiver Trotz betritt den Raum. Nichts geht mehr. Die Schotten sind dicht. Es gibt keinen Zugang mehr zu diesem trotzigen Teenager. Wer von Deinen Eltern macht denn am meisten Druck? "Meine Mutter. Ich weiß, sie will das Beste für mich. Aber sie weiß überhaupt nicht, was das Beste für mich ist, weil sie mich gar nicht fragt! Ich will gefragt werden!".

Erkennen und Benennen - erste Schritte in die Veränderung

Ich bitte die Klient*in, aus der Situation heraus zu treten und von außen, aus der Metaebene auf die Szene ihres Lebens zu schauen. Sie ist irritiert und weiß nicht recht, was sie dazu sagen soll.

 

Ich benenne ohne Umschweife, was ich als Therapeutin wahrnehme: "Dort liegt Deine Prokrastination! Du kämpfst unbewusst immer noch gegen Deine Mutter, obwohl Deine Mutter längst zufrieden ist, dass Du studierst und Deinen Weg gehst. Das ist Deine Neurose. Als Jugendliche war der Trotz wichtig, um Dich von Deinen Eltern abzunabeln. Und jetzt steht er Dir als Prokrastination im Wege. Dieses alte Muster, das damals so wichtig für Deine Entwicklung war, behindert dich heute in Deinem Leben."

Selbstverantwortung gegen Aufschieberitis

Aufgrund des ewigen Drucks der Eltern hatte die Klient*in keine Chance, ihre eigene Vision vom Leben zu entwickeln. Sie war viel zu sehr mit ihrer andauernden Abwehr- und Trotzhaltung beschäftigt. Sie folgte dem Druck der Eltern, nicht ihrer eigenen Freude.

 

Sie wählte irgendwann einen Studiengang, von dem sie gar nicht weiß, was sie später damit anfangen will. Dadurch fehlt ihr die nötige Motivation,  die Power, das Brennen und die Leidenschaft. Warum anstrengen, wenn man nicht weiß, wofür eigentlich?

 

Ein wichtiger Schritt, um den ewigen Handlungsaufschub in den Griff zu bekommen, ist bereits getan. Das Thema, die Neurose, wurde ins Bewusstsein gehoben. Nun ist es der Klient*in möglich, sich selbst während der Prokrastination aus einem anderen Blickwinkel zu beobachten und somit Verantwortung zu übernehmen.

 

Sie kann sich entscheiden, ob sie weiterhin als bockiger Teenager agieren oder sich mit dem erwachsenen Anteil Verbinden möchte. Nach Freud wäre das der Einsatzmoment des ICH, das in der Lage ist, abzuwägen und zu reflektieren, um dann Verantwortung für das eigenen Denken und Handeln zu übernehmen.

Milde, Milde, Milde

Ich bitte meine besonders jungen Klient*innen, häufig prokrastinierende Schüler*innen und Student*innen, sehr milde mit sich selbst zu sein. Sich selbst zu erlauben, dass es im gewissen Maße wirklich ok ist, Dinge etwas lockerer zu nehmen, zu feiern und das Leben zu genießen.

 

Ich ermuntere sie, die strenge Stimme ihrer Eltern nicht mehr ganz so sehr zu übernehmen und im gleichen tadelnden Ton innerlich mit sich selbst ins Gericht zu gehen.


Ich gebe zu Bedenken, dass jetzt ein sehr guter Zeitpunkt ist, diese Neurose zu heilen, damit sie selbst später nicht Eltern werden, die unnötigen Druck auf ihre eigenen Kinder ausüben und sich das durch die Generationen weiter fortsetzt.

 

Menschen, die am Ende verbissen im Burnout landen, weil sie gar nicht wirklich ihrem eigenen Ruf, sondern dem Ruf der Eltern folgen, sind oft kein wahrhaftiger Gewinn für diese Welt!

Visionssuche statt Aufschieberitis

Nur, wenn die Klient*innen es schaffen, milde und liebevoll mit sich selbst zu sein, kommen sie in einen Zustand, in dem sich ihre ganz eigene Vision, ihre eigenen Träume vom Leben zeigen können. Das geht nicht unter Druck. Unter Druck ist das ganze Nervensystem derartig überreizt, dass die Stimme der Intuition verblasst und kaum noch wahrgenommen werden kann.

 

Das ist in der Therapie der nächste Schritt. Einen guten Zugang zur eigenen Intuition, den eigenen Wünschen zu finden. Sich erlauben, der Freude zu folgen. Zu verstehen, dass wahrhaftiger, gesunder Erfolg nur dann eintritt, wenn er in tiefster Freude erreicht wird.

Offenheit für Veränderungen

Eine tiefe, intensive Psychotherapie kann immer auch "Nebenwirkungen" mit sich bringen. Es kann z. B. sein, dass das Studium abgebrochen oder der Ausbildungsplatz gewechselt wird. Es kann sogar sein, dass der Kontakt zu den Eltern oder zu Freunden abgebrochen wird. Alles kann sein!

 

Sich für Psychotherapie zu entscheiden, bedeutet auch, ab einem gewissen Punkt, unweigerlich in die Verantwortung fürs eigene Leben zu gehen. Und das kann große Veränderungen mit sich bringen.

 

Hier geht es dann im therapeutischen Prozess weiter. Ich biete meinen Klient*innen einen Raum, in dem sie sich selbst finden dürfen. Bedingungslos. Schonungslos. Mit allen Konsequenzen. Um letztendlich in ein Gefühl der Freiheit und des inneren Friedens, der tiefen Zufriedenheit gelangen zu können.

Schluss mit Prokrastination

Du leidest auch unter Deinem Aufschiebeverhalten und möchtest Dir endlich genauer anschauen, was DEIN ganz persönlicher Grund dafür ist?

 

Dann lass uns gern gemeinsam hinschauen! Mit meinem riesigen Herzen und all meinem Handwerkszeug begleite ich Dich in Deine Innenwelt. Ich freue mich auf Dich!

 

Vereinbare hier ein Erstgespräch!

 

Herzlich

Dinah

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Kommentare: 1
  • #1

    Sabine Kakizaki (Donnerstag, 09 Juni 2022 22:44)

    Das hast Du wunderbar anschaulich und verständlich beschrieben, liebe Dinah-Ann, wie so ein Prozess aus Sicht der Gestalttherapie ablaufen kann:-).

    Danke dafür!