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Smiling depression: Die Tückische unter den Depressionen

Die Klientin*

Die Klientin sitzt vor mir, erzählt mir von ihrer miesen Ehe und lächelt dabei. Ihr Mann sei oft unfair und werde unter Alkoholeinfluss auch manchmal aggressiv. Er lasse ihr kaum Freiheiten. Sie fühle sich zwar eingeengt, überlastet und unverstanden, alles in allem führe sie aber ein sehr glückliches Leben. Das Lächeln bleibt. Sie wirkt auf mich inkongruent, was bedeutet, dass das, was sie erzählt und das was sie energetisch ausstrahlt nicht übereinstimmt. Als Therapeutin nehme ich das sofort wahr. Angehörige, Freunde und Arbeitskollegen sehen vielleicht nur das Lächeln und die scheinbare Fröhlichkeit. Sie machen sich keine Sorgen um die Frohnatur, die alles gewuppt kriegt. Ich bin extrem wachsam, denn ich könnte es hier mit einer Smiling Depression zu tun haben. Eine Erkrankungen, die sehr gefährlich sein kann, wenn sie unentdeckt bleibt.

Schlafstörungen

Ich frage die Klientin, ob sie schlecht schlafe und sie bejaht dies. Sie wache schon sehr früh morgens vor dem Weckerklingeln auf und dann fingen ihre Gedanken schon an zu kreisen. Monkey Mind (Affenhirn) nennen wir Therapeuten das. Die Gedanken spielen verrückt, führen sich auf, wie kleine Affen, die wild rumspringen und sich nehmen was sie wollen. Ohne Rücksicht auf Verluste. Von morgens bis spät nachts. Und wenn einer sich ausruht, springt ein anderer wild herum. Es gibt keine ruhige Minute im Kopf. Das morgendliche Früherwachen und das Gedankenkreisen sind typische Symptome einer Depression. Die Klientin lächelt.

Antriebslosigkeit & Schweregefühl in Armen oder Beinen

 

Auf meine Frage, ob sie sich antriebslos fühle, berichtet sie, dass es ihr immer schwerer falle, zur Arbeit zu fahren. Sie fühle sich wie gelähmt. Ich lasse einige "Versuchsballone" steigen und frage genauer nach, wie ich mir dieses Gefühl vorstellen könne, ob sie ein bildhafte Beschreibung finden könne. Ob es sich etwa wie ein schwerer Mantel, ein großer Klotz oder vielleicht eher wie eine Art schwere Ritterrüstung anfühle. "Als hätte ich eine riesen große und verdammt schwere Eisenkugel am Bein, die ich hinter mir herziehen muss". Dabei lächelt sie.

Einladung zum Spüren und Benennen

Ich spüre, dass ihr Tränen im Hals stecken. Mein Körper reagiert darauf. Ich spüre großes Mitgefühl in meinem Herzen aufsteigen. Auch in meinem Hals stecken jetzt Tränen. Sie sollen da nicht bleiben - ich lasse sie hochsteigen. Ganz automatisch passiert das. Ich möchte der Klientin den Raum für diese Tränen geben. Ich möchte ihr eine Einladung zum HINSPÜREN und BENENNEN geben. Das ist das, was ich gerade für sie tun kann. Ich eröffne unseren gemeinsamen Raum, in dem Veränderung geschehen kann. Ich frage die Klientin, ob sie mir die Eisenkugel an ihrem Bein genauer beschreiben kann. Sie schildert mir, dass sie extrem erschöpft davon ist, diese Kugel hinter sich her zu ziehen. Dass sie kaum noch könne, sich das aber nicht eingestehen mag. Denn es bedeutet Schwäche. Ich frage sie, wie lange sie die Kugel schon hinter sich herziehe. "Solange ich mich erinnern kann" ist ihre Antwort. Ihr Lächeln droht zu zerfallen.

Kongruenz & Kontakt

Wer hat Dir die Kugel angelegt? Mutter oder Vater? Vater! Die Tränen sind nun nicht mehr zu bremsen. Das Lächeln verschwindet. Die Klientin kommt in ihr Gefühl. Sie ist echt. Sie ist in Kontakt mit sich. Jetzt braucht es mein höchstes Maß an Fingerspitzengefühl, eine absolut wertfreie innere Haltung und meine eigene Stabilität. Ich lehne mich innerlich an meinen imaginären, dicken Baumstamm und zentriere mich. Ich schaue, ich spüre, ich benenne, ich begleite, ich halte die Energie, den Raum. In dieser Hingabe und diesem Raum, kann die Klientin tief in ihren Prozess einsteigen und mit meiner Unterstützung alte Verletzungen bearbeiten.

Alte Muster

Die Klientin berichtet unter Tränen, ihr Vater sei Alkoholiker gewesen und hätte, seit sie denken kann, die Familie terrorisiert. Sie habe mit ansehen müssen, wie ihre Mutter von ihrem Vater verprügelt wurde. Er sei manchmal nächtelang weg geblieben und sei dann plötzlich nachts betrunken nach Hause gekommen und habe um sich geschlagen. Sie wusste nie, wann es geschehen würde. Ihre Strategie damals: Lächeln, brav sein, unauffällig verhalten. Nicht aufmucken. Unsichtbar sein. Um keine Schläge zu kassieren und um die Mama zu schützen. Sie wird sich ihrer selbst und ihren systemischen Verstrickungen bewusst. Der erste, zaghafte Schritt zu einem neuen Selbst-Bewußtsein.

Systemische Verstrickungen lösen

Die kindlichen Verhaltensmuster abzulegen ist das Ziel der Therapie. Abhängigkeit, Unterwürfigkeit, Angst und Passivität sind als erwachsene Frau nicht mehr nötig. Es besteht keine reale Gefahr mehr. Sie braucht nicht mehr abhängig sein. Das bedeutet, Verantwortung zu übernehmen - auf einer erwachsenen, reifen Ebene. Selbstbestimmt handeln, Unabhängigkeit erlernen, Mut finden. Das immerwährende Lächeln behutsam ablegen und den tiefgreifenden Kindheitserfahrungen Raum geben. Mit all ihren Emotionen, Verletzungen und Gefühlen. Und dabei gut begleitet sein. Nachnährung erfahren. Bewusstes Ablösen von den Eltern und von  hartnäckigen systemischen Verstrickungen. Das klingt nach viel Arbeit. Intensiv, berührend, schmerzhaft und erlösend zugleich. Und es lohnt sich!

Suizidalität

 

 

 

Die Smiling Depression ist gefährlich. Es gibt oft weitere Symptome, als die oben Beschriebenen und trotzdem ist Betroffenen häufig nicht auf den ersten Blick anzumerken, dass sie leiden und oft sogar Suizidgedanken haben. Sie verstecken ihre Nöte hinter einem aufgesetzten Lächeln. Hinter einer Fassade aus Fröhlichkeit und Normalität. Das kostet viel Kraft. Trotzdem haben sie noch genug Antrieb, ihre suizidalen Gedanken in die Tat umzusetzen. Das macht diese Form der Depression besonders tückisch. Sollten Sie sich hierbei angesprochen fühlen oder die Vermutung haben, dass ein Angehöriger unter einer Smiling Depression leiden könnte, zögern Sie bitte nicht, Hilfe in Anspruch zu nehmen!

 

*Zum Schutz meiner Klienten habe ich hier ein fiktives Fallbeispiel in Anlehnung an meine Praxistätigkeit beschrieben.


Wenn Sie meine Arbeit unterstützen möchten, freue ich mich über einen Kommentar!

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