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Selbstaktualisierungstendenz

 

Ist es nicht schlimm, sich immer die Probleme fremder Menschen anzuhören? Diese Frage bekomme ich ziemlich häufig gestellt, wenn ich erzähle, dass ich als Heilpraktikerin für Psychotherapie arbeite. Und meine Antwort darauf lautet: nein!

 

Bei meiner Arbeit als Therapeutin sehe ich es als eine meiner Hauptaufgaben an, das Leben als das zu sehen, was es ist: Nämlich DAS LEBEN. Und das verläuft nie geradlinig auf dem Nullpunkt. Nein – denn das wäre DER TOD.

 

Leben bedeutet Veränderung. Leben bedeutet Absturz und Neuanfang. Leben bedeutet Verlust genauso wie Freude und Gewinn. Und eines ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Es ist nie, nie und nochmals nie statisch. Das Leben fließt und wir haben es in der Hand, das Flussbett zu bereiten. Mal tritt das Leben über die Ufer und dann versiegt es fast. Aber solange auch nur ein klitzekleiner Tropfen übrigbleibt, ist es das Leben. Und damit arbeite ich.

 

Es geht darum, Ressourcen im Menschen zu entdecken. Darum, ihn ein Stück seines Weges durchs Leben zu begleiten. Ihm dabei zu helfen, sein Flussbett auszubauen. Auszutüfteln, hinzuspüren, was es braucht, um sich ein Stück lebendiger, zufriedener in seinem eigenen Leben zu fühlen. Und da sowieso jeder Mensch auf Erden über eine Selbstaktualisierungstendenz verfügt, braucht es manchmal nur die richtige Frage, damit das Steuerrad des Lebens wieder selbst übernommen werden kann. Selbstaktualisierungstendenz meint, dass jeder Mensch von Natur aus bestrebt ist, besser zu werden. Heiler. Ganzer.

 

Und so gehe ich davon aus, dass die Menschen, die zu mir kommen, schon wissen, was ihnen guttut. Ich unterstütze sie nur dabei, es auch zu sehen und umzusetzen. Sicher, dabei ist viel Fingerspitzengefühl, Kreativität, Echtheit und Empathie gefragt. Man könnte mich also auch fragen: „Ist es nicht schlimm, kreativ, echt, empathisch und mit Fingerspitzengefühl mit Menschen umzugehen?“ Und darauf würde ich genauso antworten: nein! Die Umkehrung der Frage zeigt sogar, wie absurd die Annahme ist, es könnte schlimm sein, mit Menschen in einem echten Kontakt sein und sei das Thema auch noch so belastend. Auch wenn sie gerade ziemlich mit dem Kiel am Grund entlang schrammen, es geht darum, den Fluss des Lebens wieder zum fließen zu bringen. Das ist toll und ganz und gar nicht schlimm!

 

Und wenn ich eine besonders schwierige Situation mit einem Klienten durchgearbeitet habe, nehme ich eine Supervisionsstunde, damit ich diese Erkenntnis nie aus den Augen verliere. Denn am Ende bin ich auch nur ein Mensch, der sein Leben führt mit allen Höhen und Tiefen, die dazu gehören. Und sich Hilfe dabei zu holen ist total ok – auch für einen Therapeuten!

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